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Mittwoch, 29. Juli 2015

Wieso haben Papst und Bischöfe nicht mehr gemacht? – Pius XII. und Erzbischof Sapieha von Krakau

Papst Pius XII.

Immer wieder hört man den Einwand, Papst und Bischöfe hätten zu wenig gegen den Nationalsozialismus Stellung bezogen. Inwiefern dieser Vorwurf zutrifft, ist wohl kaum befriedigend zu beurteilen. Rückblickend ist es sicher immer leichter, Verfehlungen von anderen zu erkennen und in diesem Fall zu langes Zögern oder zu wenig festes Auftreten von bestimmten Mitgliedern der Hierarchie festzustellen.

Papst Pius XII. gab in einem Schreiben an den Berliner Bischof Konrad von Preysing vom 30. April 1943 den Grund für seine Zurückhaltung mit Äußerungen über den Nationalsozialismus an:

„Den an Ort und Stelle tätigen Oberhirten überlassen Wir es abzuwägen, ob und bis zu welchem Grade die Gefahr von Vergeltungsmaßnahmen und Druckmitteln im Falle bischöflicher Kundgebungen sowie andere vielleicht durch die Länge und Psychologie des Krieges verursachten Umstände es ratsam erscheinen lassen, trotz der angeführten Beweggründe, ad maiora mala vitanda [um größere Übel zu verhüten] Zurückhaltung zu üben. Hier liegt einer der Gründe, warum Wir selber Uns in Unseren Kundgebungen Beschränkungen auferlegen; die Erfahrung, die Wir im Jahre 1942 mit päpstlichen, von Uns aus für die Weitergabe an die Gläubigen freigestellten Schriftstücke gemacht, rechtfertig, soweit Wir sehen, Unsere Haltung.“

Dabei war der Papst zuvor sicher nicht untätig. Er ließ im Frühjahr 1942 ein geheimes Rundschreiben in polnischer Sprache mit dem Titel „Weltanschauliche Auseinandersetzung und Widerlegung des Nationalsozialismus“ durch Priester zum Erzbischof von Krakau, dem späteren Kardinal Adam Sapieha, schmuggeln. Einer der „Schmuggler“, Pfarrer Joseph Kaul von Marquartstein, berichtete: 

„Der Kardinal nahm ein Blatt zur Hand und fing an, es zu lesen. Plötzlich schlug er die Hände über dem Kopf zusammen, ließ das Blatt fallen und rief aus: ‚Um Gottes willen! Dieses Rundschreiben Sr. Heiligkeit kann ich unmöglich meinem Klerus übergeben, noch weniger meinem polnischen Volk bekanntgeben. Ein Exemplar in den Händen des SD [Sicherheitsdienst] und unsere Köpfe rollen, und die katholische Kirche in Polen ist verloren. Weiß der Heilige Vater nicht, wie es um uns steht? Diese Rundschreiben müssen sofort verbrannt werden.‘ Und sogleich warf er das ganze Paket ins Feuer.“
Adam Kardinal Sapieha, Erzbischof von Krakau

Zu dem Vorfall berichtet Msgr. Quirino Paganuzzi, der ebenfalls an dieser Aktion beteiligt war: „Ich erinnere mich noch an den Ausdruck des Schreckens bei Exzellenz Sapieha, der doch alles andere als furchtsam war.“ Weiter berichtet er die Worte des Erzbischofs über das selbst auferlegte Schweigen: „Die Lage ist die gleiche für alle Polen [wie für die verfolgten Juden]. Sie meinen, sie seien von Rom vernachlässigt und verlassen, während es Tatsache ist, dass wir Bischöfe die Botschaften und die Aufmunterungen des Papstes nicht öffentlich bekanntgeben können, um unsere Bevölkerung nicht größeren Vergeltungsmaßnahmen und noch schwereren Ketten seitens der deutschen Truppen und der deutschen politischen Polizei auszusetzen.“


(Quelle: Adolph, Walter: Kardinal Preysing und zwei Diktaturen. Sein Widerstand gegen die totalitäre Macht, Morus-Verlag, Berlin, 1971, S. 189)

Samstag, 1. November 2014

Der Krieg gegen die Kirche im Warthegau


Nach dem Sieg über Polen im Herbst 1939 wurden verschiedene Gebiete der Polnischen Republik dem Deutschen Reich einverleibt, darunter auch das Gebiet um Posen, das den Namen „Reichsgau Wartheland“ oder kurz Warthegau erhielt. Hier entfesselte sich der Kirchenkampf auf eine besonders extreme Weise. Msgr. Walter Adolph schreibt in seinem Buch Die katholische Kirche im Deutschland Adolf Hitlers, dass das Warthegau ein „Mustergau der NS-Religionspolitik für alle Gaue des Großdeutschen Reichs“ werden sollte.

Treibende Kraft hinter der Verfolgung der Kirche im Warthegau war laut Adolph der Leiter der Reichskanzlei und Kirchenfeind Martin Bormann. So setzte dieser durch, dass dem Reichskirchenministerium, dem Reichsinnenministerium und dem Auswärtigen Amt jedes Mitspracherecht in der Kirchenpolitik des Warthegaus genommen wurde und für die Religionspolitik einzig und allein die Reichskanzlei zuständig war. Diese gab am 10. Juli 1940 ein Schreiben mit 13 Punkten heraus, die das kirchliche Leben im Warthegau fast unmöglich machte. So gab es laut diesem Dokument „keine Kirchen mehr im staatlichen Sinne, nur religiöse Kirchengesellschaften im Sinne von Vereinen“, es bestehe „keine Beziehung mehr zu Gruppen außerhalb des Gaues, auch keine rechtlichen, finanziellen oder dienstlichen Bindungen an die Reichskirche“. Mitglied dieser „Vereine“ konnten nur Volljährige werden, die zunächst eine schriftliche Beitrittserklärung abgeben mussten. Weiter durften Deutsche und Polen nicht mehr zusammen in die Kirche gehen. Die „Vereine“ durften außer dem Vereinsbeitrag keine Zuschüsse erhalten und ebenso wenig eigene Gebäude, Häuser, Felder oder Friedhöfe besitzen; nur der „Kultraum“ war gestattet. Wohlfahrtspflege wurde untersagt. Klöster und Stiftungen werden aufgelöst, da diese „der deutschen Sittlichkeit und der Bevölkerungspolitik nicht entsprechen“. Schließlich durften sich nur Geistliche aus dem Warthegau in den „Vereinen“ betätigen, die dies zudem nicht „hauptamtlich“ taten, sondern nebenbei einen Beruf brauchten.

Doch dies war noch lange nicht genug. Die Seelsorgsarbeit wurde durch den von Ermordung und Inhaftierung herbeigeführten Priestermangel noch zusätzlich erschwert. Der größte Teil der Erzdiözese Posen, in der am 1. September 1939 noch 681 Weltpriester und 147 Ordensmitglieder wirkten, gehörte zum Warthegau. Bereits am 1. Oktober 1941 waren davon 451 in Gefängnissen oder KZs, 120 wurden in das Generalgouvernement abgeschoben, 74 waren erschossen worden oder im Konzentrationslager umgekommen, 12 waren vermisst und 22 wurden an der Amtsausübung gehindert. Von 30 Kirchen in der Stadt Posen waren am 1. Oktober 1942 noch ganze zwei für Polen und eine für Deutsche vorhanden. 13 Kirchen wurden versiegelt, weitere wurden als Lagerhallen, Reit- oder Musikschulen missbraucht. In den Erzdiözesen Gnesen und Posen durften die verbleibenden Kirchen nur Sonntags von 9 bis 11 Uhr geöffnet werden, was bei dem großen Andrang auf die Sakramente wie Kindertaufe und Beichte den Priestern kaum noch Zeit ließ, die Messe pünktlich bis 11 Uhr zu beenden.

Die Proteste von Priestern, den deutschen Bischöfen und Nuntius Orsenigo beim Reichsstatthalter für den Warthegau, Arthur Greiser, fielen auf taube Ohren.

(Quellen: Anonymous [wohl Msgr. Johann Neuhäusler]: The Persecution of the Catholic Church in the Third Reich, Walter Adolph: Die katholische Kirche im Deutschland Adolf Hitlers)